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Autor Thema:   sommerlicher Buchtipp
Tina
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erstellt am 09-07-2007 um 10:26 GMT   Sehen Sie sich das Profil von Tina an!   Klicken Sie hier um Tina eine eMail zu senden!   Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Für alle Freunde italienischer Lebensfreude und Kochkunst: Erin Steinhauer und Günther Schatzdorfer haben einen kulinarischen Reiseführer durch das Friaul geschrieben. Das Buch ist - wie schon der Titel sagt -
Einfach. Gut.
Piscibus
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erstellt am 01-08-2007 um 22:42 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Piscibus an!  Senden Sie eine eMail an Piscibus!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt; selten etwas so Intelligentes und zugleich Vergnügliches gelesen (zumindest von einem zeitgenössischen Autor) Kehlmann persifliert Humboldt (der von seiner eigenen Bedeutung durchdrungen ist), der durch Südamerika reist (die Passagen aus der Perspektive Bonplands sind köstlich!) und Gauss, der weitestgehend an seinem Schreibtisch sitzen bleibt und die Vermessung errechnet und ein ziemlich Ekel ist...

Karl-Markus Gauß - Die versprengten Deutschen, Unterwegs in Litauen durch die Zips und am Schwarzen Meer. Gauß ist ein hervorragender Beobachter, guter Stilist und überzeugter Europäer und das liest man bei aller Wehmut die stellenweise heraufziehen kann, auf jeder Seite. Stellenweise wunderbare Anekdoten (eine berühmte Brücke in einem slowakischen Reiseführer, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt, tüchtige Jungunternehmer in der Ukraine, die keinesfalls (Russland-)Deutsche einstellen würden, weil die so faul seien... etc.)

Tristan da Cunha - von Raoul Schrott. Die Geschichte der abgelegensten menschlichen Siedlung der Welt, erzählt anhand von vier unglücklichen Liebesgeschichten, kunstvoll ineinander verwoben (Abwandlungen des Tristan-Motivs)...

[Geändert von Piscibus (01-08-2007 um 10:42 PM).]

Tina
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Es gibt übrigens auch einen zweiten Teil, diesen hat Schatzdorfer gemeinsam mit Wolfgang Böck verfasst: „Besser. Einfach. Eine kulinarisch-kulturelle Reise durch die Lagune nach Venedig“. Dieses Buch ist genauso lesenswert wie der Band mit Erwin Steinhauer.
Piscibus
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erstellt am 13-08-2007 um 15:49 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Piscibus an!  Senden Sie eine eMail an Piscibus!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
... und ist zudem abseits der Strände(Lignano, Bibione, Caorle) eine sehr schöne Ecke Italiens.

BTW: kennst du diesen furchtbar kitschigen Film "Vino Santo"? (spielt in der Friaul) vom Schwarzenberger?

Ich hab zwar keine Ahnung von Landwirtschaft, aber wenn ich den gesehen habe, stell ich mir immer vor, wie schön es wäre, Weingutsbesitzer in der Friaul (vorzugsweise Colli Orientali) zu sein...

Tina
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erstellt am 13-08-2007 um 15:53 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Tina an!  Senden Sie eine eMail an Tina!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
dabei ist Vin Santo eigentlich eher typisch für die Toscana und nicht fürs Friaul
das_mo
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erstellt am 17-08-2007 um 13:50 GMT     Sehen Sie sich das Profil von das_mo an!  Senden Sie eine eMail an das_mo!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Klarer Widerspruch zu Kehlmanns Vermesserei:

Selten etwas so nichtssagendes und schnarchlangweiliges gelesen. Ist mir unerklärlich, warum dieses Machwerk über ein Jahr die Belletristikhitlisten regiert hat.

Wird aber wohl an mir liegen, ich hab schon den Vorgänger "Ich und Kaminsky", der von der Kritik in den Himmel gelobt wurde, furchtbar gefunden.

Mein Sommertipp:

Glennkill von Leonie Swann, ein absolut vergnüglicher Krimi, in der Schafe den Mord an ihrem Schäfer aufklären. Allen voran Miss Maple, das klügste Schaf von Glennkill, wahrscheinlich das klügste Schaf der Welt. :-)

Piscibus
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erstellt am 17-08-2007 um 18:02 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Piscibus an!  Senden Sie eine eMail an Piscibus!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Geschmäcker sind halt unterschiedlich (aber wenn man die von Dir angsprochenen Belletristikhitlisten ansieht, bin ich wohl nicht der einzige, dem das Buch gefallen hat)

Mein Freundin hat Glennkill im Urlaub gelesen... ich nicht, war mir wiederum von ihren Beschreibungen, Klappentext & Daumenkino nicht anspruchsvoll genug...

(hmm... ob ich als jemand der den letzten Harry-Potter am ersten Tag gekauft hat überhaupt von Anspruch reden darf... :confused

-

Ein "Zeit"-Tipp

Wer am vermutlich verregneten Wochenende noch nichts vor hat, sollte kurz in die Trafik springen und sich die aktuelle "Zeit" krallen.

Im dieswöchigen Dossier kann man (wieder einmal) einen Altmeister des deutschen Feuilletons, des deutschen Journalismus, bei der Arbeit sehen: Fritz J. Raddatz legt sich selbst und dem Leser in gewohnt-grandioser Sprache Rechenschaft ab, über seine Zeit in der DDR der 50er Jahre.

Zwar hat der Artikel nicht die erschütternde Eindringlichkeit seiner Polemik "Warum ich Pazifist bin" oder die dandyhafte Eleganz seines Essays über die "Anmut". Jedoch berichtet selbst die FAZ (FJR und MRR, langjährirer Feuilletonchef der FAZ, waren sich - nun ja - nicht gerade freundschaftlich verbunden) heute davon und bezeichnet FJRs "dem seltenen Genre des intellektuellen Rechenschaftsberichts" zuzuordnenden Artikel als mehr oder weniger substantiellen "Betrag zur DDR-Geschichte".

Tina
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erstellt am 24-08-2007 um 11:43 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Tina an!  Senden Sie eine eMail an Tina!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Ein neues Buch nimmt die computergestützte Übersetzungen gekonnt auf die Schaufel. "Übelsetzungen" heißt das gerade bei Langenscheidt erschienene Buch, in dem witzige Sprachpannen aus aller Welt zusammengetragen wurden.

Besonders ergiebig scheint der gastronomische Bereich zu sein, wie ja bereits Axel Hacke mit seinem auf einer griechischen Speisekarte gefundenen Gericht "Zwiebel ruft an" (onion rings) bewiesen hat. Beim "KunstiErwürgt Salat" zum Beispiel, der aus "Raketen", "Hühnchen broth" und "Hieb-Salat" zubereitet wird, handelt es sich um einen Artischockensalat. Der Übersetzer des Rezeptes ging besonders kreativ vor: 'art' bedeutet im Englischen Kunst, 'choke' erwürgen, und dazwischen kommt das i.
Ähnlich beim "Abb mit gepeitschter Sahne", das übrigens mit "Wahnsinnigen" serviert wird. Es handelt sich um Feigen mit geschlagener Sahne - 'fig' ist im Englischen auch die Abkürzung für 'figures' - übersetzt: Abbildungen (Abb.). Und 'nuts' sind Nüsse, aber eben auch Wahnsinnige. Der "KunstiErwürgt Salat" und die "Abb mit Sahne" sind Übersetzungen aus dem Türkischen über das Englische ins Deutsche.
Den Koch vor Probleme stellt wohl auch folgendes italienisches Rezept für eine Paradeissoße: "Nachdem die Teigwaren bereit sind, lassen Sie es ab und setzen sich mit ein wenig vom gekochten Wasser in die Soßenwanne". Viel einfacher hat es doch da der Gast eines Restaurants an der Costa Bravo. Er setzt sich an den Tisch und bestellt Gerichte wie "Spazierstock von Eichel", "Rasierapparat-Rohbauten", "Tapfere Kartoffeln" oder "Bringen Sie Schädel unter".
Spaß haben aber sicher auch Ausländer in Deutschland mit einer Übersetzung wie 'pig miserable' für Schweinelendchen oder dem Schild "Fremde Zimmer" statt 'Fremdenzimmer'. Von Sprachwitz zeugt dagegen der Aufdruck auf dem T-Shirt eines Dortmunder Müllmanns während der Fußball-WM: "Cleansmann".
Eine Fundgrube für die Herausgeber des Buches waren natürlich auch übersetzte Gebrauchsanweisungen: "bei große Stinke oder Leuchte liegt unflätige Gebroken an", warnt der belgische Hersteller eines Toasters. "Für grobe Falle könne Sie international ruf!" Klar dagegen die Anweisung an einem Tankautomaten in Italien: "Rechts die in jedem Vers linientreuen Geldscheine einstecken" und später "den Spion der gewählten Pumpe den Tankstelle nehmen".
Wer jetzt einen Drink braucht, kann der Einladung eines Liverpooler Pubs nachkommen: "Willkommen, Fußball-Ventilatoren der Welt." (Fan heißt im Englischen sowohl Anhänger als auch Ventilator.)

[Geändert von Tina (24-08-2007 um 11:43 AM).]

Tina
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erstellt am 28-08-2007 um 14:07 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Tina an!  Senden Sie eine eMail an Tina!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
und schon wieder ein Buchtipp – diesmal allerdings mehr zum „Bilder schauen“:

Bastian Sick „Happy Aua – Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache“.

Mein Lieblingsbild ist das auf Seite 11

Tina
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erstellt am 11-12-2007 um 18:41 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Tina an!  Senden Sie eine eMail an Tina!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
und wieder einmal ein Tipp: Tommy Jaud zählt sicher zu den witzigsten Autoren, die mir je untergekommen sind! Alleine die Passage in Millionär, in der er die verschiedenen Formen von Verkaterung beschreibt … göttlich!!! Es gibt zwei Formen von Kater: den Blitzkrieg, wo man morgens aufwacht und einem sofort und gleich von Anfang an fürchterlich schlecht ist. Und den Irakkrieg, wo einem zuerst vorkommt, dass man eh nicht so schlecht drauf ist und man sich schon in Sicherheit wiegt … und dann schlagen Übelkeit und Kopfschmerz umso härter zu. Das kommt einem so vertraut vor….
Tina
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erstellt am 13-12-2007 um 12:17 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Tina an!  Senden Sie eine eMail an Tina!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Und gleich noch ein Tipp: Canal Grande von Hannu Raittila. Bitterböse!!!

[Geändert von Tina (13-12-2007 um 12:17 PM).]

Piscibus
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Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

ich weiß, dass gerade die österreichische Kritik (interessanterweise aber auch etwa die Radisch) das Buch verrissen hat, aber m.E. ist das (bzw. wäre) gerade für alle, die nicht verstehen, was sie die NaziZeit angeht oder warum der Satz "Wehret den Anfängen" so wichtig ist, absolute Pflichtlektüre.

Spannung, Ekel, Trauer waren meine Hauptempfindungen bei der Lektüre des Buchs. Ich habe im Hinblick auf die Aufarbeitung der Nazi-Zeit noch nie so eine Unmittelbarkeit verspürt. Bei der Schilderung der Säuberungsaktionen bei Kiew etwa, standen mir Tränen in den Augen. Der Prozess des Involviertwerdens in die Vernichtungsmaschinerie ist schockierend. Es gibt kaum ein Weggabelung, von der ich mit Sicherheit weiß, dass ich mich in vergleichbarer Situation anders verhalten hätte.

Littell gelingt das Kunststück, dass man sich einerseits mit Seiner Hauptfigur, dem SS-Sturmbannführer Max von Aue, identifiziert und andererseits unglaublich vor ihm ekelt. - Es gibt erzähl. Schnitzer, Vermischung von Facts&Fiction, was ich ja prinzipell eigentlich nicht gut finde (von dem Vorwurf, dass das Buch langatmig sein soll hab ich aber nichts gemerkt) aber dank Konzeption, Recherche und Haupterzählstrang ist das dennoch ein absolutes Meisterwerk.

[Geändert von Piscibus (29-03-2008 um 11:48 PM).]

Tina
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@das_belesene_MO
Gebe dir recht - "Die Vermessung der Welt" habe auch ich über weite Strecken als ziemlich langweilig empfunden. Vielleicht sollte ich als nächstes doch "Glenkill" lesen
Witschu
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Christopher Moore: Der törichte Engel

Der Erzengel Raziel verkackt wieder alles! 2000 Jahre, nachdem er schon bei Jesus zu spät gekommen ist und Jesus (im Alter von 10 Jahren) selbst die frohe Botschaft über die Ankunft des Heilands brachte (nachzulesen in der Bibel nach Biff), taucht er in Pine Cove auf und sucht abermals ein Kind, dem er einen Wunsch erfüllen will!

[Geändert von Witschu (07-04-2008 um 11:40 AM).]

Wazinger
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Unter Brüdern
Piscibus
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@Tina: tut mir leid. mir hat es aber wirklich gefallen und ich hab´s mit bestem Gewissen empfohlen (und am Umsatz bin ich ... leider ... auch nicht beteiligt )
Tina
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Passend zum Stiftungsfestausflug 2008: Johannes Soyener & Wolfram Mondfeld: Der Meister des siebten Siegels. Das Buch hat zwar mehr als 1.000 Seiten, ist aber unglaublich spannend und leicht zu lesen.

@Piscibus
Macht ja nix - Geschmäcker sind eben verschieden

Tina
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bitterböse, political incorrect, superwitzig:

Oliver Polak: "Ich darf das, ich bin Jude"

Ich habe beim Lesen schon lange nicht mehr so gelacht!

Georgy
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Das ist aber kein sommerlicher Buchtip. Nächstes Jahr wieder!
Tina
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Das ist ein Ganzjahresbuch.
Georgy
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lesenswert
Tina
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Ja, absolut lesenswert!
Georgy
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Man muß den Humor aber mögen. Lustig ist zB die Sache, warum Juden beschnitten sind. Die Geschichte mit Buchenwald kann sich wirklich nur er leisten. Übrigens: Danke für den Tip! Ich hab am Mittwoch fast das ganze Zugabteil unterhalten.
Piscibus
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Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Hab den (einzigen jiddisch-sprachigen) Nobelpreisträger von 1978 leider erst jetzt für mich entdeckt. Der knapp 250 Seiten dicke Roman zählt zu dem Besten, was ich in meinem Leben gelesen habe. Herman Broder, ein Holocaust Überlebender steht in New York zwischen mehreren Frauen: Yadwiga, ein ungebildetes polnisches Bauernmädel hat ihm das Leben gerettet und steht für die Pflicht, Masha, eine bildhübsche, kokette Jüdin (ebenfalls Holocaust-Überlebende) für die Leidenschaft und dann taucht auch noch seine eigentliche Frau, Tamara auf, von der er geglaubt hat, dass sie tot ist, sie steht für die Vernunft. Das Buch hat alles. Es ist zutiefst lustig, traurig, berührend, leidenschaftlich, mehr Leben lässt sich prosaisch nicht auf weniger Platz komprimieren. Sehr schön ist auch: Der Holocaust ist zwar präsent, aber nicht dominant, die Überlebenden mehr Handelnde, als Opfer. (Vielleicht erinnert es thematisch nicht von ungefähr ein bisschen an "Das Leben ist schön") Ein absolutes Meisterwerk der Weltliteratur.

Uwe Tellkamp: "Der Turm"

Eine Dresdner Arztfamilie in den letzten sieben Jahren vor der Wende - nicht umsonst ist das der Roman des Jahres. Manche Kritiker haben ihn schon mit den Buddenbrooks verglichen und als Thomas Mann-Fan muss ich sagen: völlig zu recht. In manieristischer Art und Weise weben sich Handlungsstränge, die Erlebnisse der Hauptfiguren in einander, dabei ist das Buch kurzweilig, der Author verzichtet auf langatmige Beschreibungen, konzentriert sich auf die Entwicklung seiner Figuren ohne zu psychologisieren, fährt an Stilmitteln alles auf, was ihm als Epiker zur Verfügung steht (allein das erste Stasi-"Gespräch" - ein Dialog, dem der Widerpart fehlt - ist brillant) stellt vielfältige Anspielungen und Querverweise zu anderen Werken der deutschen Literatur her (schon der - als Kenner der DDR höchst amüsant zu lesende - Anfang mit dem 50. Geburtstag von Richard Hoffmann, einer der Hauptfiguren, kommt als Persiflage auf den Buddenbrooks Anfang daher. Dazu kommt eine großartige Beherrschung der deutschen Sprache. Sätze wie "Sie errötete hinreichend" (die Gattin eines Arztes auf eine anzügliche Bemerkung desselbigen in einem pflichtgemäß ohne große Lust vorgetragenen Vortrag in Gesellschaft hin - alles im Wörtchen "hinreichend", plus gewollte Ähnlichkeit zu "hinreißend") oder, im Urlaub (die letzten Schulferien einer Gruppe Teenager): "Die Tage verloren ihre Ränder, wurden Zeit" zeigen, da kämpft einer mit feiner Klinge, da geht einer so souverän mit Sprache um, dass es jovial wirkt aber unglaublich präzise ist. Oder was die Persönlichkeit der Jugendlichen in diesem Roman angeht: Vielschichtig, suchend, mit mehr "Energie", nicht weniger, aber weniger zielgerichtet als ein Erwachsener werden sie dargestellt(selbst in diesem Punkt könnte sich ein alter Fuchs wie der weiter unten genannte Roth noch etwas von Tellkamp abschauen): sehr, sehr lesenswert.

Michael Köhlmeier - Abendland

Die Lebensgeschichte des über 90-jährigen Carl-Jakob Candoris und seines Taufkindes/Ziehsohnes Sebastian Lukasser: Unheimlich gutes Storyboard, glänzender Aufbau des Romans, obwohl kollageartig wirkt das ganze wie aus einem Guß und ist überhaupt nicht schwer zu lesen, in der handwerklichen Ausführung aber noch verbesserbar (insbesondere bei wörtlichen Reden hatte ich immer so ein bisschen das Gefühl "so red ka Mensch..." dennoch kein schlechtes Buch.

Gerhard Roth: Das Alphabet der Zeit

Der zweite österreichische Autor, der einen Rückblick auf den erlebten Teil des 20. Jahrhunderts auf den Markt bringt, allerdings in einer tatsächlichen Autobiographie (während Köhlmeier ja nur autobiographische Elemente drinnen hat). Ganz starker Anfang (wie er die Kriegs und unmittelbaren Nachkriegserlebnisse eines Kleinkindes schildert), lässt dann aber stark nach. Der Mittelschüler Roth kommt mir eine Spur zu lethargisch, blöd daher und zum Schluss wird´s dann überhaupt nur noch eine Aufzählung von "wen ich in der Grazer Kunstszene so alles kennengelernt habe..." von den genannten Romanen denen ich mich in letzter Zeit gewidmet habe, leider eindeutig der schwächste...

[Geändert von Piscibus (26-11-2008 um 02:46 PM).]

Piscibus
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Hisham Matar: "Im Land der Männer"

Was weißt Du über Libyen? Wahrscheinlich nichts. Dann geht´s Dir so wie mir. Aus diesem Grund ist das Buch lehrreich, weil es dem Leser Perspektiven auf ein Land eröffnet, das im Grunde niemand kennt. Es ist die Geschichte eines 10-Jährigen, Produkt einer Zwangsehe, mit einer nur knapp 14 jahre älteren Mutter und einem deutlich älteren Vater, der sich im Widerstand gegen Ghadaffi engagiert und zusammen mit Freunden verhaftet wird. Der 10-jährige Junge lernt die Willkür des politischen und religiösen Systems seines Heimatlandes kennen. Seine Mutter war verheiratet worden, weil sie es gewagt hatte, sich mit anderen Mädchen mit Jungs in einem Kaffeehaus zu treffen, ein Freund des Vaters wird von einem, von den Ghadaffi-Jüngern aufgestachelten Mob ermordet. Der Junge wird nach Ägypten geschickt, um in relativer Freiheit aufzuwachsen. Das Buch erinnert ein bisschen an ein Schattenspiel. Die Figuren haben zwar nicht sehr viel Tiefgang, bleiben einem als Europäer in ihren Beweggründen weitestgehend unklar, doch eröffnet sich eine unbekannte Weölt, zwischen Tripolis, Leptis Magna und hinter der libyschen Revolution.


Isaac B. Singer: Späte Liebe

Drei Geschichten aus dem Spätwerk dieses großen Autors. Sie spielen zwischen Miami, New York und dem amerikanischen Hinterland. Es werden Beziehungen (v.a. zwischen schon etwas in die Jahre gekommen) Menschen thematisiert: lustig, melancholisch und tiefgründig.

Truman Capote: Die Grasharfe

Eine gut zu lesender kurzer Roman, Erstlingswerk des New-Journalism-Autors, der v.a. für "in cold blood" und "breakfast at tiffany's" bekannt geworden ist. Umrahmt von einer skuril-netten Handlung (eine zahnlose Schwarze, eine etwas verwirrte ältere Dame und der ich-Erzähler, ein 16-jähriger Junge, der einem geistig etwas zurückgeblieben vorkommt, scheinen die einzigen vernünftigen Personen, in einem von Rassenvorurteilen, Dummheit und Gewalt geprägten, kleinen Kaff zu sein, ist das Buch v.a. lesenswert, weil auf eine sehr gelungene Art und Weise ein kleines Panorama des amerikanischen Deeper-South gezeichnet wird.

[Geändert von Piscibus (26-11-2008 um 04:48 PM).]

Piscibus
Psycho


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Ivo Andric – „Wesire und Konsuln“

Viel zu wenig ist bis dato vom bisher einzigen serbokroatisch-sprachigen Literaturnobelpreisträger ins Deutsche übersetzt. Bekannt ist vermutlich „Die Brücke über die Drina“ in der er die Geschichte der Brücke von Visegrad – und vor allem das Leben der Menschen um und auf dieser Brücke schildert.

Weniger bekannt ist seine „Travniker Chronik“, die auf Deutsch den Titel „Wesire und Konsuln“ erhielt, ein nicht ganz treffender Titel obwohl die Übersetzung ansonsten ausgezeichnet ist.

Der Roman spielt in den Jahren 1806 bis 1814 im bosnischen Travnik und erzählt davon, wie das bonapartistische Frankreich am Höhepunkt seiner Macht einen Konsul in die Stadt schickt um seine Interessen zu wahren, und diesem auf dem auf dem Fuß ein österreichischer Konsul folgt.

Während außerhalb Bosniens die Weltgeschichte dahinwogt, erreicht sie das rückständige Land nur in ihren Ausläufern (etwa, wenn nach einem Putsch in Istanbul der Großwesir hierher in die Verbannung geschickt wird oder sich die beiden Konsuln diplomatisch „bekriegen“).

Meisterlich versteht es Andric diesen weltgeschichtlichen Ereignissen Leben einzuhauchen, in dem er sie mit konkretem Erleben und Empfinden von Einzelpersonen verknüpft. So sind es v.a. ganz bestimmte Szenen, die einem in Erinnerung bleiben. Die Verachtung und der Ärger, die dem französischen Konsul bei seinem ersten Ritt durch die Stadt seitens der ortsansässigen Muslime entgegenschlagen, die das langsame Schwinden der osmanischen Macht intuitiv spüren, ein Lehrling, der in seinen Mittagspausen um die Tochter des österreichischen Konsuls herumscharwenzelt, ein orthodoxer Schnapsbrenner der nach der Niederschlagung eines Aufstandes in Serbien schwere Zeiten herandräuen sieht, ein sephardischer Jude, der mit Tränen in den Augen dem Konsul die Rückreisekosten nach Paris vorstreckt, wissend dass mit dem bonapartistischen Franzosen auch seine Hoffnung auf die Aufklärung und ein besseres, gerechteres Leben für ihn Travnik verlässt.

Wiedergefunden habe ich auch die bornierte, rückständige Kleinkariertheit, die Angst vor allem Fremden, neuen und anderen, die offenbar allen Bewohnern abgelegener Gebirgsgegenden gemeinsam sind und zeigen, dass sie gar nicht so anders sind, im positiven, wie im negativen, die Bosnier des frühen 19. und die Österreicher des frühen 21. Jahrhunderts.

[Geändert von Piscibus (04-01-2009 um 01:08 AM).]

Ronja
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mir hat das christkindl ein beeindruckendes buch gebracht: Friedrich Orter: Himmelfahrten. Höllentrips.
wer Orters berichte im fernsehen schätzt wird diese buch fressen, auch wenn die kost schwer erträglich ist.
Piscibus
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Orhan Pamuk - "Rot ist mein Name"

Ein orientalisches Kaleidoskop ist dieser im Istanbul des 16. Jahrhunderts spielende und im Stil orientalischer Erzähler gehaltene Roman. Jedes Kapitel, mit dem eine jeweils andere Person, Sache (etwa die Farbe Rot) oder auch Tier (ein Hund, ein Pferd) als Erzähler auftritt, erscheint wie ein neuer Blick durch ein farbintensives, in der Farbe Rot gehaltenes, durchgeschütteltes Kaleidoskop, das dem Erzähler so immer mehr von sich preis gibt.

Wobei es ja eigentlich drei Geschichten sind, die kunstvoll ineinander verflochten sind und einander bedingen. Da ist zum einen der stattlichen Kara, der nach Jahren des Exils nach Istanbul zurückkehrt und hofft, nunmehr seine große Liebe Seküre ehelichen zu dürfen. Da ist der Vater dieser Seküre, Oheim genannt, der davon träumt, ein Buch im Stile venezianischer Maler zu illustrieren, eine Sache die im seinerzeitigen Islam mit seinem Bilderverbot, das nur durch die persisch geprägten Buchillustratoren umgangen werden durfte, höchst problematisch war und da sind letztlich drei junge Meisterillustratoren, die dem Oheim bei seinem Werk behilflich sind und von denen einer zum Mörder wird.

Der Roman ist nicht immer einfach zu lesen, man muss sich an die blumige Sprache, die originelle aber komplexe Erzählweise und den für einen Westeuropäer ungewohnten Kontext erst gewöhnen. Dennoch ist dieses wichtige Werk des türkischen Nobelpreisträgers sehr lesenswert.

Georgy
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Ich war mein eigenes Christkind und hab mir von H M Broder "Kritik der reinen Toleranz" und die Medici-Biographie gekauft.

Ich denke nicht dumm zu sein, komme aber trotzdem nicht dahinter, was an Broders Ausführungen so verkehrt sein soll?

Piscibus
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Ich kenn nur seine Dankesrede anlässlich des Erhalts des Börnepreises ("Bin ich verrückt, oder sind es die anderen") und seinen Blog in denen er diesen Themenkomplex anschneidet.

Broder ist scharfsinnig, aber auch ziemlich arrogant. Natürlich kann ich mich hinstellen, Harlekin spielen und auf gewisse Widersprüche in unserer ausdifferenzierten, komplexen Gesellschaft hinweisen. Aber trag ich damit zur Problemlösung bei oder schaff ich nur alternative Probleme (weil ich ja andere Aspekte, die zu dieser Art Ausdifferenzierung geführt haben,aktuell nicht sehe). Da regt er sich z.B. über den Umgang mit der Folterandrohung in Hessen auf. Aber wer entscheidet dann in Hinkunft, ob die Androhung von Folter (hinter der ja auch die reale Möglichkeit zu Foltern stehen muss, sonst wird sie auf Dauer kein Verbrecher ernst nehmen) gerechtfertigt ist. Broder?

Im Prinzip ist das was er anspricht das von Popper so bezeichnete "Platon´sche Freiheitsparadoxon" (Ist derjenige der Intoleranz gegenüber intolerant ist, intolerant oder leistet er einen Beitrag zur Verteidigung der Toleranz?). Ich glaub halt, dass da der Ton ganz entscheidend ist (Gelassenheit) und wir uns ein Stückchen weit Systemwiderspruch gefallen lassen müssen. Denn das ist ja der qualitative Unterschied zu einem totalitären oder autoritären System, den unser politisches System haben sollte).

[Geändert von Piscibus (05-01-2009 um 05:34 PM).]

Georgy
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Nun, ich habe die Arroganz nicht so wahrgenommen. Was die Folterandrohung betrifft, habe ich mich zwar auch gewundert, allerdings hat er meiner Ansicht nach nicht die Drohung verteidigt, sondern die Doppelmoral derer kritisiert, die sich daüber aufregen, den Tod von Melzer aber nicht kommentierten.

Er kritisiert zu Recht, daß Probleme in der Integration einfach abgetan werden. Dabei beginnt eine Problemlösung zunächst damit, das Problem anzusprechen. Es ist halt ein Problem, wenn eine Zeugin eines Ehrenmordes ganz offensichtlich aus Angst ihre Aussage zurückzieht, wie in Innsbruck passiert, Ob das jetzt 100 oder einmal passiert ist egal. Es darf nicht passieren.

Jeder von uns hat muslimische Bekannte, vielleicht sogar Freunde, das ist ja alles easy-cheesy - auf der Uni, im Beruf, im Gasthaus......Trotzdem merkt man auch da wo es keine Probleme mit dem Strafrecht oder dem Zusammenleben gibt, den unterschiedlichen Wert von Mann und Frau. Eine Schulkollegin von mir aus Persien ist zB zwangsverheiratet worden. Ich weiß das, weil mir ihre beste Freundin gesagt hat, sie würde nicht gerne heiraten und ihr Studum aufgeben.

Wir Katholiken bzw Österreicher dürfen uns von den linken Emanzen alles mögliche anhören - und bei den Muslimen wird brav weggeschaut. Das finde ich halt nicht richtig. Und Broder zeigt das eben auf.

Piscibus
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erstellt am 08-01-2007 um 07:29 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Piscibus an!  Senden Sie eine eMail an Piscibus!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
Das ist halt immer auch eine Frage von Wahrnehmung und Maßstab. Die Mehrheitsgesellschaft hat genauso ihre geschlechtlichen Unterdrückungsmechanismen, ihre Vorurteile, ihre archaischen Strukturen, nur da nehmen wir sie nicht wahr.

Das ist genauso, wie der alte Vorwurf, den ich in Kärnten oder der Stmk. als Teenager unterschwellig des öfteren gehört habe, dass Italiener (gesagt wurde nicht Italiener sondern "Katzlmocha") "schmutziger" sind. Jeder der mal in Italien gelebt hat, weiß dass das Blödsinn ist, dass z.B. der Verbrauch an Desinfektionsmitteln höher ist, als hierzulande usw., dass Italiener (im Schnitt, wobei der Schnitt absolut null über den Einzelfall aussagt, und das ist dabei schon mal das ganz zentrale Problem) aber ein anderes, ich würde sagen, harmonischeres Verhältnis zur Natur haben und nicht alles bunt und glänzend anmalen müssen, wie wir im deutschsprachigen Raum.

Zeig mir, wo der Staat sagt, dass rechtsstaatliche Normen nicht für Zuwanderer gelten? Natürlich müssen sie gelten, tun sie auch.

Was anderes ist, wenn´s um gesellschaftliche Usancen geht, sprich wo nach dem Grundsatz "Wo kein Kläger da kein Richter", agiert wird. Natürlich muss der Staat hier einen Schutzrahmen anbieten, aber erzwingen sollte er ihn nicht.

Problematisch wird´s wenn man sich zusätzliche Normen für eine bestimmte Gruppe erfindet, das nutzt gar nix, diskriminiert und erschwert die Integration und wie gesagt, wie kommt der Einzelfall dazu, sich für Pauschalurteile zu rechtfertigen.

Piscibus
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abgesehen davon geiselt Alice Schwarzer die Muslimen in Deutschland im Hinblick auf ihr Verständnis von Frauenrechten schon seit Jahren. Dass der Feminismus hier blind ist, ist m.E. also auch falsch.
Piscibus
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erstellt am 08-01-2007 um 12:37 GMT     Sehen Sie sich das Profil von Piscibus an!  Senden Sie eine eMail an Piscibus!      Beitrag ändern Beitrag löschen!  Klick hier für weitere postings von Tina
dass Probleme besser angesprochen gehören, gehe ich d´accord. Aber auch das ist leichter gesagt als getan, weil du sie dann potentiell emotional/moralisch/politisch auflädst was nur die Fundis und/oder die rechten Spinner freut. (man darf ja nicht vergessen, dass es auf beiden seiten genug Extreme gibt, die gar kein Interesse daran haben, dass Probleme gelöst oder ausverhandelt werden, weil das ihren Zulauf schwächen würde)

Und dann muss sich natürlich auch die Gesellschaft als ganzes ändern, immer wieder auf neue Herausforderungen und Probleme oder auch nur ihre veränderte Zusammensetzung reagieren ob sie das in ausreichendem Maß tut, ist fraglich. Wenn ich mir die in der ZiB gezeigten Reaktionen auf den Mitterer-Tatort in Telfs anschaue, sehe ich bei vielen Zuwanderern den Willen ankommen zu wollen, ja sogar das Gefühl angekommen zu sein, während von den Alt(im wahrsten Sinn des Wortes) eingesessenen wenig bis null Bereitschaft gezeigt wird. Hab letztens ein absolut großartiges Fried-Zitat gehört: "Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt."

[Geändert von Piscibus (08-01-2009 um 12:37 PM).]

Georgy
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Die Frage ist doch auch, will ich etwas verändern und Probleme lösen? Ich stelle mir das so ähnlich wie bei der EU vor: Die Zeitung berichtet nicht über deren Erfolge, weils niemanden interessiert. Die überwältigenden Beispiele gelungener Integration sieht man auch nicht, weils eh selbstversändlich ist. Aber trotzdem sind die Extreme eben nicht zu tolerieren. Wenn zum Beispiel der liberale "Spiegel" schon über eine Entführung des dt Freundes einer Türkin aus gekränkter Ehre unter den Türken mehrsetig berichtet, sollte man sich das schon anschauen.

So wie es die Grünen gemacht haben und teilweise machen, jeden, der auf Probleme hinweist, ins rechte Eck zu stellen, geht es halt auch nicht. So quasi: "Wir sind die besseren Türkenversteher als der Dömez."

Piscibus
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maximal wohl "von Türkischstämmigen" - ohne Artikel -, nicht "DEN Türken"

und

wie von einigen grünen Politikern praktiziert und nicht "wie es DIE Grünen machen..."

außerdem wer wird ins rechte Eck gestellt? Doch niemand der sich ernsthaft um Lösungen bemüht und wenn doch, weiß man eh, was das Urteil desjenigen der ins Eck stellt, wert ist.

[Geändert von Piscibus (09-01-2009 um 10:01 AM).]

Georgy
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Dann schau Dir einmal an, was jetzt mit dem Dömez passiert. Es sind natürlich "einige" Grüne, aber eben auch einige. Was solche Urteile wert sind, wissen offenbar zu wenige.

Ich finde halt nach wie vor, daß Probleme anzusprechen, auch wenn sie massiv sind, das beste für ein Zusammenlaben ist. Die Frage ist immer, "wie" sie angesprochen werden.

Die Diskussion, ob Integratrion nun eine Bringschuld oder eine Holschuld sein, versteh ich nicht ganz. Als Bringschuld kann man eventuell bezeichnen, daß eine Gesellschaft offen für neues, anderes sein soll. Aber wenn das gegeben ist - was sicher zu wenig der Fall ist - dann hab ich kein Problem damit zu erwarten, daß sich Migranten auch entsprechend verhalten. Das ist schon auch eine Frage der Höflichkeit und der Wertschätzung. Wie gesagt, zu 90% ist das ja kein Problem. Dafür sind die Probleme beim kleinen Rest umso größer.

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Noch etwas: Die Mehrheit der zu uns einwandernden Moslems sind offenbar Aleviten und dagegen kann man ja nichts haben. Aber stell Dir vor, es ist anders: Ich habe zum Beispiel im Nahost-Konflikt tendenziell mehr Verständnis für die Position Israel. Man stelle sich vor, dieses Land ist umringt von Feinden, von einer Koexistenz gar nicht zu reden. Wie soll man nun mit Leuten verhandeln, deren Ziel es ist, einen zu vernichten?

Nun halte ich die Positionen von Schakfeh und Baghajati schlicht für unverschämt und sag das auch. Wäre ich nun in Köln, müßte ich mir das schon überlegen.

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naja. Das Dönmez Interview - falls es um das geht - war in Ton und Inhalt aber wirklich alles andere als schlau. Niemand wählt die Grünen nur wenn´s jetzt auch noch deppert, populistisch (und antieuropäisch) werden.

Im einen Atemzug sagst du, dass es sehr wohl auch eine Bringschuld Altansässiger gibt, zu besserer Integration beizutragen, im nächsten siehst du die Verantwortung dann aber doch wieder ausschließlich bei den Zuwanderern?

Betr. Israel/Palästina: das ganze ist wirklich ein ausgesprochen komplexes Problem. natürlich sollte sich Schakfeh hüten das Existenzrecht Israels in frage zu stellen und ich sehe das da durchaus ähnlich wie du (meine Sympathien sind da auch eher bei den Israelis, die in den vergangenen Jahren versucht haben, sehr viele Vorleistungen für den Frieden zu erbringen). Andererseits müssen sich die Israelis schon fragen lassen ob der militärische Schlag das Klügste war, was sie tun konnten. De facto ist der doch das beste was Hamas passieren konnte, somit ist das nach Kissinger schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein taktischer Fehler.

Ganz grundsätzlich zu Israel: im Prinzip muss man aber auch sagen, dass die Entstehung Israels nur erklärbar ist, aufgrund der ungeheuren Verbrechen, die jüdischgläubigen Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angetan wurden. Im Prinzip ist es ja auch völliger Irrsinn einen Staat auf dem religiösen Bekenntnis einer bestimmten Gruppe aufzubauen - so gesehen ist Israel der Negativabzug des europäischen Nationalismus - hätte der die Menschen mosaischen Glaubens in seinem Umfeld nicht zu "anderen" gemacht, wäre kein israelischer Staat notwendig gewesen. Aber nun ist es mal so. punkt. Es gibt ja auch eine normative Kraft des Faktischen.

Das Grundproblem ist m.e. dass die arabischen Staaten gegenüber den palästinensisch-arabischen Flüchtlingen nie eine Integrationsleistung erbracht haben. Ich glaube, der ehem. israelische Botschafter in Deutschland, Avo Primor, hat mal den treffenden Vergleich angestellt: Was wäre gewesen, Deutschland hätte die "Heimatvertriebenen" aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Böhmen nicht integriert sondern in Lagern an der Grenze zu Polen und Tschechien ohne Perspektive zusammengefasst, es wäre wohl heute noch die Hölle los.

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Nun, ich sehe das was ich angesprochen habe eben nicht unbedingt als Bringschuld - villeicht ist es mir zu selbstverständlich. Da wird glaub ich eine Mücke zum Elefanten aufgeblasen. Das kann jetzt einiges über eine Gesellschaft aussagen, ich werde aber kein Moralin verspritzen.....Aber es gibt offenbar Leute, die einem dann noch den Stinkefinger zeigen. Wenn das dann auch teilweise Migranten sind, muß man das doch zur Problemlösung ansprechen.
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Mir fällt da z.B. immer das jährliche Straßenfest dieser liberalen türkischen Moschee im zweiten Bezirk, gegenüber meiner alten Wohnung ein. Die geben sich voll Mühe, da gibt´s zu essen, zu trinken, eine Hupfburg, die Frauen haben türkisch/arabische Leckerein vorbereitet, wo jeder etwas mitbringt, sie stellen sich ein bisschen vor usw. ...

Die alteingesessenen Wiener die daran teilnehmen kannst an einer Hand abzählen. Fakt ist aber, dass jeder Einzelne zuerst einmal von sich erzählen will, zeigen will, was seine Identität ausmacht. Erhält er aber nicht in ausreichendem Maß Aufmerksamkeit und Entgegenkommen kommt dieser Prozess, der sich Integration nennt, gar nie in die Gänge. Weil das z.B. auch heißt, dass eine alteingesessene Hausfrau sagt: "Ist das aber ein nettes Rezept, wie geht das denn, das würd ich auch gerne mal nachbacken/nachkochen."

Oder: Ich bin sehr gern in der Slowakei und ich empfind es nachgerade unglaublich, was mir da für eine Begeisterung, Freude, Dankbarkeit entgegenschlägt, nur weil ich versuche, ein bisschen Slowakisch zu lernen, weiß wo etwa Poprad und Nove Zamky liegen oder die Spieler der slowakischen Eishockey-Nationalmannschaft fast alle kenne. Darauf kann man dann wunderbar aufbauen und man kommt in eine positive Spirale, mir macht´s Spaß was zu lernen und ich bekomme darauf wieder ein positives Feedback usw. (Das funktioniert in beide Richtungen!) Mein Interesse steht aber am Anfang.

[Geändert von Piscibus (12-01-2009 um 10:27 AM).]

Georgy
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Gute Beispiele. Das Problem ist denke ich auch, daß bei uns soviel (zuviel) Ideologie dabei ist. So ein Straßenfest zB oder ein Fest in einem Kolpinghaus hat halt (für viele) doch etwas Hippimäßiges. Wenn einmal eine Hemmschwelle fällt, ist der Käse meistens eh gegessen.
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Wenn Du schreibst, daß Dein Interesse als Gast am Anfang stünde heißt das doch umgemünzt, daß das Interesse der Migranten am Anfang stehen müßte.

Ich tu mir halt echt schwer, wenn ich so Berichte wie über den Wiener Imam lese und den Vormarsch des politischen Islam. Das träum ich doch nicht. Man hilft doch den Umgänglichen, Integrationswilligen, wenn man sagt, daß es so halt nicht geht.

Piscibus
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Jetzt bist Du schon wieder dabei Einzelfälle zu generalisieren. Die sind - wenn entsprechende Betätigung gegeben - ein Fall für´s Strafrecht.

Ich hab am Montag auf der Bude auch einen katholischen Fundamentalisten kennen gelernt (der mir erklärt hat, dass ich nicht katholisch bin... hihi, aber er erkennt die Päpste seit Pius XII. nicht an...) aber deshalb sind jetzt nicht alle Katholiken Deppen, sondern er ist allein mit diesem Problem.

Wir müssen aber verhindern, dass solche Leute andere dazu bringen, aus der konstruktiven gesellschaftlichen Mitte abzudriften und dass erreichst halt am besten, in dem du Empathie herstellst. Warscheinlich erreichst du damit manche, konservativere Elemente nicht unmittelbar, aber mittelbar über andere, bereits besser Integrierte...

[Geändert von Piscibus (16-01-2009 um 10:35 AM).]

Georgy
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Aber es sind ja auch Einzelfälle Fälle. Ich denke nicht, daß ich generalisiere. Deswegen unterscheide ich ja. Wenn man Einzelfälle nicht anspricht. Nicht miteinander zu reden ist immer das Schlechteste. Auf das "Wie" kommt" es an. Es macht immer der Ton die Musik. Aber wenn einige die Musik grundsätzlich ablehnen, was willst du dann machen?

Und über den Umgang mit Piusbrüdern könnt ich dir einiges erzählen....

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ein Anfang wäre, m.E. den Provokateuren und Extremisten nicht so viel (mediale) Aufmerksamkeit zu widmen. Denn so hast du die absurde Situation, dass gerade die Extremisten und nicht die Vernünftigen mit dem knappen Gut "Aufmerksamkeit" belohnt werden. Das mündet dann weiter in eine Polarisierung und diese nützt tendentiell immer denen, die Extrempositionen vertreten. (aus dem kleinen Handbuch für Extremisten: "Wie ich die Agenda Setting Theorie und Carl Schmidts Konzept des Politischen für meine Sache nutzen kann")

[Geändert von Piscibus (27-01-2009 um 03:22 PM).]

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Sag das bitte dem Fellner und dem/der Dichand. Die sind nämlich derart daneben, daß´d nur mehr speiben könntest.
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Navid Kermani: „Wer ist Wir?“ Deutschland und seine Muslime Ich ist viele, ich ist auch Muslim

Von Karen Krüger

12. März 2009 Von der Gesellschaft lange unerkannt, ist Deutschland zum Einwanderland geworden. Die Realität hat sich verändert, das Bild, das viele Deutsche von Deutschland haben, jedoch noch nicht. Dass man tatsächlich in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben kann, sorgt für Verunsicherung. Anstatt das kulturell Neue als bereichernd zu verstehen, als etwas, das man gemeinsam gestalten kann, sucht man nach einer festumrissene Identität. Gleichzeitig werden Migranten vor allem als Muslime wahrgenommen – ganz so, als orientiere sich deren Lebensgestaltung ausschließlich am Islam. In Deutschland sei das andere, das man immer braucht, um sich selbst zu definieren „nicht nur, aber vor allem der Islam geworden“, schreibt Navid Kermani in seinem neuen Buch über „Deutschland und seine Muslime“. Deutschland, so der Kölner Orientalist, braucht die Muslime zur Selbstaffirmation.

Wer angesichts des Buchtitels glaubt, eine Selbstbeschreibung der Muslime in Deutschland vor sich zu haben, geschrieben von einem, der um die muslimischen Befindlichkeiten wissen muss, weil er bekanntermaßen selbst muslimischen Glaubens ist und deshalb zum muslimischen „wir“ dazugehört, der irrt. Und ist genau der Identitätsfalle erlegen, um die es dem Autor geht: Kermani ist zwar Muslim, doch anders, als es die öffentliche Rhetorik über Muslime in Deutschland glauben machen will, käme es für ihn nicht in Frage, sich ausschließlich als Muslim zu definieren. Denn Muslim ist Kermani genauso, wie er habilitierter Orientalist, Fan des 1. FC Köln, Teilnehmer der Islamkonferenz, Vater von zwei Töchtern – sie gehen auf eine katholische Grundschule –, Regisseur, Schriftsteller und ehemaliger Stipendiat der Villa Massimo ist.

Beobachter aus der Distanz

Kermani hat einen deutschen und einen iranischen Pass. Wenn er auf Reisen ist, dann fühle er sich zu Hause, wenn die Menschen um ihn herum Persisch sprechen. Trotzdem schaue er im Ausland immer, wo er eine deutsche Zeitung kaufen kann, erzählt er. Niemals dagegen würde er sich in eine Fernseharena begeben, um auf dem Podium über Fragen wie „Ist der Islam mit unserer Demokratie vereinbar?“, „Müssen wir Angst vor Muslimen haben?“ oder „Wie können wir den Islam integrieren?“ zu diskutieren. Ganz einfach deshalb, weil es „die“ Muslime für ihn gar nicht gibt. „Ich sage von mir: Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können – ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität“, heißt es an einer Stelle. Kermani beobachtet aus der Distanz, was im Fernsehen und was um ihn herum passiert. Er ist ein brillanter Erzähler.
Seine scharfen Analysen sind ein Parcours durch Entwicklungen, die besorgniserregend sind: Da ist die evangelische Kirche, die die Debatte um Muslime als Feld der eigenen Profilierung entdeckt hat und sich dabei zunehmend vom Islam distanziert; da ist der Berliner Fall der Mozart-Oper „Idomeneo“, die aus Sorge vor muslimischen Protesten abgesetzt wurde, ohne dass sich jemand empört hätte; und da ist der Bremer Türke Murat Kurnaz, dessen Einreise die deutschen Behörden verhinderten, auch nachdem klar war, dass er unschuldig in Guantánamo gefangengehalten wird – der deutsche Staat handelte damals auf eine Weise, die weder mit dem Geist noch mit den Buchstaben des Grundgesetzes vereinbar ist. Wieso akzeptierte die deutsche Öffentlichkeit, dass sich bis heute keiner der beteiligten Politiker bei Kurnaz entschuldigt hat? Für Navid Kermani sind wir nicht nur Papst – wir sind auch Murat Kurnaz.
Das Grundproblem sieht Kermani in der zunehmenden Zuspitzung von Identitäten. Sinnbild und Katalysatoren dieser Entwicklung sind für ihn die Fernsehtalkshows, die sich seit geraumer Zeit mit Vorliebe der Integrationsdebatte annehmen – in Wirklichkeit aber gehe es um ein Für und Wider des Islam. Ginge es nach ihnen, dann lautete die Charakterisierung eines echten Muslims wie folgt: Ein echter Muslim lehnt die Demokratie ab, will die Einheit von Staat und Religion und nimmt den Koran als Gottes unverrückbares Gesetz.

Den Islam an sich gibt es so wenig wie „den“ Koran

Selbst diejenigen auf dem Podium, die einen türkischen oder arabischen Namen tragen, widersprechen da meist nicht – in den Talkshows nehmen sie meistens die Rolle der Kronzeugen der Anklage ein. Findet sich ein muslimischer Geistlicher oder eine orthodoxe Muslimin unter den Teilnehmern, dann haben sie verloren, bevor der erste Satz gefallen ist: Schon allein wegen des Barts und des Kopftuchs gehören sie nicht zu dem deutschen „wir“ auf dem Podium mit dazu. In dem seltenen Fall, dass ein Islamwissenschaftler mit auf dem Podium sitzt, stimmt auch er meistens in das Suren-Pingpong ein, mit dem der eine Redner den anderen vom gewaltsamen oder friedlichen Charakter des Islam überzeugen will – obwohl der Koran nur in der Gesamtheit seiner Aussagen und mit Blick auf die Bedingungen seiner Entstehungsgeschichte zu verstehen ist. Integrierte Muslime, die wie die Mehrheit der Migranten in Deutschland einfach ihr Leben leben, so wie der Rentner oder die alleinerziehende Mutter in der Nachbarschaft, vermisst man in den Talkshowrunden. Ihre Identität lässt sich kaum auf das Streitbare reduzieren.

Identität ist für Kermani „per se etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition. Es ist eine Festlegung dessen, was in der Wirklichkeit vielfältiger, ambivalenter, durchlässiger ist.“ Sich durch Druck von außen gezwungen zu sehen, sich zu entscheiden, auf welcher Seite man steht, führe zu der Tendenz, sich entweder vollkommen von der eigenen Kultur loszusagen oder sich umgekehrt gerade durch die religiöse Andersartigkeit zu definieren. Damit jedoch werde der Islam erst zu dem, was das ausschließende „wir“ in der öffentlichen Debatte meine, und darin liege auch das Gewaltpotential: „Es ist der Eindruck, niemals dazugehören zu können – niemals gemeint zu sein, wenn ein Staatsführer oder ein Fernsehkommentator sagt: ,wir‘.“

Anfeindungen von Außen stärken die Identität der Gruppe

Parallelgesellschaften, so stellt Kermani ganz richtig fest, haben vor allem soziale Gründe. Versucht man sie nur theologisch zu erklären, blendet man Faktoren aus, die für Phänomene wie Zwangsheirat, Ehrenmord und Fundamentalismus vielleicht viel wichtiger sind: woher die Menschen stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden und welchen Bildungsgrad sie haben. Auch Fragen, ob der Islam mit der Demokratie oder den Menschenrechten vereinbar ist, hält Kermani für müßig, da es „den Islam an sich“ nicht gebe. Der Koran sei weder ein Manifest für noch gegen die Moderne, die Demokratie oder das deutsche Grundgesetz. Mit ihm kann man Sozialismus und Monarchien legitimieren, die Trennung von Staat und Religion ebenso wie deren Einheit. „So wichtig es für den westlichen Beobachter sein mag, sich ein Urteil über den Islam zu bilden, es wird in jedem Fall Muslime geben, die diesem Urteil nicht entsprechen. Und am Ende sind sie es, die in ihrer Gesamtheit bestimmen, was ihre Religion ist oder sein kann.“

Kermani kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er habe es das erste Mal als kleiner Junge gehabt: Als er sich schämte, weil seine Mutter ihn mit einem teuren und nicht wie die Eltern der anderen Kinder mit einem alten Auto zum Fußballtraining brachte. Ausländer aber sei er erst geworden, als eines Tages ein neuer Mitschüler, ein Junge aus Afrika, in seine Klasse kam. In dem Moment, als die anderen Kinder anfingen, den Neuen wegen seiner dunklen Hautfarbe zu hänseln, sei auch er sich seiner Andersartigkeit bewusst geworden: „Man fühlt sich niemals stärker der eigenen Gruppe zugehörig, als wenn sie angefeindet wird“, resümiert er das Erlebnis. Und man begreift, warum Muslime in Westeuropa seit dem 11. September 2001 muslimischer als in ihren Herkunftsländern sind.

Die mediale Realität hat sich selbständig gemacht

In der öffentlichen Rhetorik wurde damals ein ganzes Kollektiv für den Terrorismus verantwortlich gemacht – ein westliches „wir“ war von einem muslimischen „ihr“ angegriffen worden. Auf einmal stand die Frage der eigenen kulturellen, genauer: der religiösen Identität im Raum, und Europa begann, sich auf seine christlichen Wurzeln zu besinnen. Begriffe wie Liberalismus, Säkularität und Demokratie werden in Deutschland seitdem immer mehr in Abgrenzung zum Islam diskutiert und soziale Konflikte häufig in ein kulturelles Vokabular gekleidet. Aus den in Deutschland lebenden Arabern, Türken, Iranern wurden Muslime, aus der Debatte um den Multikulturalismus eine Debatte, ob das Zusammenleben mit dem Islam überhaupt möglich ist – obwohl Muslime da schon längst zum deutschen „wir“ gehörten.

Man könnte nun meinen, dass Kermani pessimistisch ist, was die Integration in Deutschland angeht. Das Gegenteil ist der Fall. Kermani schwärmt von neuen Dialogforen wie der Islamkonferenz, in der sich nicht nur Muslime, sondern auch Deutsche darüber stritten, was die jeweils dem anderen zu vermittelnde Kultur eigentlich sei. Er möchte, das sich die Migranten Züge von Fremdheit bewahren – unter der Bedingung freilich, dass sie sich eindeutig zum Grundgesetz und den darin verankerten Werten bekennen.

Bekämpfung ist immer die Aufgabe der eigenen kulturellen Offenheit

Alarmierender findet er dagegen die Diskrepanz, die er zwischen medialer und gesellschaftlicher Realität konstatiert. Am deutlichsten wird das an seinen Schilderungen, wie er die öffentliche Diskussion über den Moscheebau in Köln und die tatsächlichen Reaktionen der Menschen vor Ort erlebte. Während das Projekt im Fernsehen und in vielen Zeitungen als Gefährdung der christlichen Kultur beschrieben wurde, war Kermani bei der zentralen Bürgerversammlung in Köln mit dabei – und erlebte die Diskussion des Für und Wider als „Demokratie in Reinkultur“. „Was für eine Toleranz“, habe Amir Hassan Cheletan, der iranischen Schriftsteller, der ihn damals begleitete, immer wieder gemurmelt.

Wer die Veröffentlichungen und Vorträge von Navid Kermani zum Thema religiöse Identitäten verfolgt hat, wird vieles in seinem neuen Buch wiedererkennen. Es bündelt seine Gedanken zu einer Streitschrift. Wer die Feinde der offenen Gesellschaft bekämpfe, indem er die eigene kulturelle Offenheit aufgebe, habe den Kampf bereits verloren, schreibt er. Diese Feststellung ist als Appell zu verstehen – für alle Seiten. Identität als Deutsche, Europäer, Muslime oder Christen ist vielfältiger und ambivalenter, als es auf den ersten Blick oft scheint. Wie langweilig wäre es doch, nur eine von ihnen als die eigene anzuerkennen.

Navid Kermani: „Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime“. Verlag C. H. Beck, München 2009. 173 S., geb., 16,90 €.

Buchtitel: „Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime“
Buchautor: Kermani, Navid

[Geändert von Piscibus (13-03-2009 um 11:16 PM).]

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